Schreiben ist Pflaster für die Seele, 2. Kapitel

Sie erinnern sich? Durch Opas kurzer Inhaltsangabe aus dem Buch Anna Karenina ist die junge Krisi ganz versessen darauf, diesen Roman zu lesen.
Kehren wir also zurück zu jenen Morgen, in das große Bett mit den 3 Geschwistern und lassen Krisi ihre Geschichte weiter erzählen.

Vorsichtig klaube ich Beinchen um Beinchen herunter von mir, rutsche leise aus dem Bett, schleiche in das Elternzimmer und schaue mich im fahlen Licht des neuen Morgens, der durch die dunkelroten Vorhänge sickert, vorsichtig um. Da, am Nachtkästchen liegt das Buch, nur einen kleinen Schritt entfernt von mir. Ich greife nach dem Buch. Mama dreht sich in meine Richtung. Mein Herz setzt aus. Ich zucke zurück, stehe da wie gelähmt, wage nicht zu atmen. Eine kleine Ewigkeit vergeht. Hin und her gerissen zwischen der Angst vor dem unbändigen Zorn meiner Mutter und dem übermächtigen Wunsch dieses Buch in Händen zu halten, aufzuschlagen, den Duft der alten Seiten zu schnuppern und einzutauchen in die Geschichte der schönen Anna.
Mama dreht sich erneut um, dieses Mal weg von mir. Ich nutze die Gelegenheit. Angespannt in höchster Konzentration nehme ich das Buch mit dem zauberhaften Umschlag und drücke es an mich. Als ich aufschaue, blicke ich in die Augen meines Vaters. Langsam, ganz langsam schüttelt der den Kopf. Er sagt kein Wort. Die schwarzen Haare stehen ihm zu Berge. Mein flehentlicher Blick entlockt ihm ein kleines Lächeln und ein Achselzucken. Vorsichtig gleitet er zurück in seine Kissen neben meine schlafende Mutter.
Ich bin so erfreut und beseelt von unserer „Seelenverwandtschaft“, der unendlich großen Liebe die ich für meinen Papa empfinde und über meine Beute, dass ich fast vergesse das Zimmer leise zu verlassen.

Katzenwäsche, 2 Löffel Rahmsuppe, Anorak vom Haken und ab zu meinem Fliederstrauch hinter dem Haus.
Oma schreit hinter mir her „was hast du da unter deinem Pullover? Ich höre es, aber ich bin schon durch die Tür entwischt.
Ich begrüße Lila, so heißt mein riesengroßer Fliederstrauch. Gleich nach dem der Schnee der Frühlingssonne weicht, lege ich jedes Jahr einen großen Plastiksack und darüber eine dicke, alte Decke auf den Boden, in die Mitte dieses gewaltigen Strauches. Leider trägt Lila heuer noch nicht sehr viele Blätter, aber in ein, zwei Wochen, bietet mir meine jahrelange Strauchfreundin das perfekte Platzerl um abzutauchen in meine Traumwelt, um unsichtbar und unerreichbar zu werden für die vielen Aufgaben, die ich von Mama bekomme, wenn sie mich nur flüchtig irgendwo erblickt.
Tief versteckt im Plastiksack liegt mein versperrtes Tagebuch, dem ich jeden Tag ein paar Zeilen meiner großen und kleinen Kümmernisse anvertraue. Ich habe dieses Buch von meinem Vater zu meinem 10. Geburtstag bekommen und seit ich schreibe, ist das Dilemma mit meiner Mutter sehr viel leichter zu ertragen.

Eingepackt in meine Decke, von der Morgensonne sanft gewärmt, betrachte ich andächtig das Bild am Umschlag.
Das wunderhübsche Gesicht von Anna, umrahmt von einem rosa Hut und einem Kleid der selben Farbe. Im Hintergrund die Kuppeln und Türmchen von St. Petersburg….

Was wird Krisi`s Mutter sagen, wenn sie merkt, dass das vom Schwiegervater geliehene Buch verschwunden ist? Und warum ist sie so furchtbar böse auf ihre erstgeborene Tochter?
Wie kommt das junge Mädchen damit zurecht, von der Mutter nicht geliebt zu werden? Und welche Rolle spielt in dieser Geschichte ein imaginärer Freund, der irgendwann einfach da ist und der sich Krisi als Jesus vorstellt?
Lesen Sie nächste Woche hier in meinem Blog. Bis dahin schöne Tage.